In meinem letzten, zugegebenermaßen etwas wirren, Podcast, ging es mir darum aufzuzeigen, wie wichtig ich finde, dass jeder von uns eine Vision von seinem Leben und von der Gesellschaft hat, in der er leben möchte.

Heute nähere ich mich dem Thema mal aus einer anderen Richtung.

Beginnen möchte ich mit einem Beitrag von Prof. Dr. Florian Becker, den ich bei LinkedIn gefunden habe. Prof. Dr. Becker ist Autor mehrerer Bücher, Psychologe und sein Thema ist die positive Psychologie.

Es geht um die Beobachtung, dass unsere Gesellschaft seit einiger Zeit unter dem Symptom der Opferhaltung leidet.

Er schreibt:
Zitat „: die Leitfrage scheint zu sein:
„Könnte es nicht sein, dass eigentlich irgendjemand anderes schuld ist, an… deinen schlechten Schulnoten, deiner mangelnden Gesundheit, dass du unglücklich bist, schlecht gelaunt, im falschen Stadtteil wohnst, keinen Porsche hast? Ja, hat Dich vielleicht sogar die ganze Gesellschaft irgendwie systematisch diskriminiert?“

Weiter schreibt er

„Und viele Betroffene saugen dieses Narrativ beruhigt auf. Hat man doch eine bequeme Ausrede für die eigene Situation und braucht selbst nichts zu ändern…

Und das ist tödlich.

Denn damit stoppt man seine eigene Selbstwirksamkeit, gibt die Macht ab etwas an der Situation zu ändern…“

Und später im Text heißt es

„Ja, es ist psychologisch angenehm und bequem auf andere zu zeigen, vermeintliche Schuldige zu suchen und zu warten. Dein Partner, Deine Eltern, die Gesellschaft,… sind dann scheinbar verantwortlich.

Doch für diesen kurzen psychologischen Nutzen zahlst Du einen hohen Preis im Leben: Es wird niemand kommen, es gibt keine gute Lösung und Du entwickelst Dich nicht.

Die Opferrolle ist eine Komfortzone ohne Wachstum

Änderungen an diesem Narrativ sind schwer, insbesondere, wenn die Opferrolle Teil Deiner Identität geworden ist. Es ist schwer, wenn Du dir und anderen jahrelang erzählt hast, wer verantwortlich dafür ist, dass Deine Situation schlecht ist.“

Zitat Ende

Nun habe ich das Gefühl, dass sich aktuelle viele Menschen in Deutschland als Opfer der Politik und der Politiker fühlen.

Ich behaupte, dass bei vielen, die seit fast 4 Jahren mehr oder weniger täglich oder wöchentlich auf die Straße gehen, das Opfersein bereits Teil der Identität geworden ist.

Klar, es gibt immer etwas, mit dem ich politisch unzufrieden sein kann.

Und auch klar – Politiker handeln schon lange nicht mehr zum Wohle des Menschen und der Bürger dieses Landes.

Vielmehr – und das wird derzeit ganz besonders und auch dem letzten deutlich – dient Politik den Interessen der Industrie und dem Großkapital.

Doch, wenn ich selbst mich als Opfer des Systems sehe, sehe ich keine Handlungsalternative.

Dann warte ich auf den Erlöser, die Lichtgestalt, die uns alle retten wird.

Das ist wahlweise ein besonders charismatischer Mensch im Widerstand oder eine der vielen neue Parteien, die es jetzt aber mal allen zeigen wird.

In beiden Fällen gebe ich meine Selbstwirksamkeit ab an eine Person oder eine Institution, die es schon richten wird. Und hat das nicht geklappt, dann kommt schon der nächste Heilsbringer in welcher Form auch immer.

Und natürlich habt ihr Recht, wenn ihr jetzt sagt, ja – aber die Waffenlieferungen, die kann halt nur die Politik stoppen. Und die Dieselsubenvtionen, die kann auch nur die Bundesregierung beschließen.

Das stimmt.

Nur wenn ich den Fokus immer auf Themen richte, die weit außerhalb meines Einflussbereiches liegen, dann KANN ich mich nur hilflos fühlen.

ICH kann den Hunger in Afrika nicht stoppen. ICH kann den Krieg in der Ukraine nicht beenden. ICH kann unsere Arbeitsplätze in Deutschland nicht retten.

Um also aus dem Rad der Hilflosigkeit und des Opfergefühls zu kommen hilft es aus meiner Sicht, den Fokus zu verändern.

Weg vom Denken darüber, was wir alles weghaben wollen – vielmehr was andere alles ändern müssten, denn die Themen liegen außerhalb meines Einflussbereiches.

Und hier schließt sich der Kreis zur letzten Folge – habe ich selbst eine Vision von meinem Leben oder von der Gesellschaft in der ich leben möchte?

Habe ich ein Bild, mit allem was sein soll? Was ich mir wünsche? Wie sollte eine Gesellschaft sein damit ich sie als gut bezeichnen würde?

Macht Euch den Spaß, setzt Euch einmal mit ein paar Freunden zusammen und macht Euch ein Bild davon. Entwerft Eure Vision der Gesellschaft.

Jeder darf sagen, was er sich wünscht und dann wird es Schnittmengen geben und es wird Dinge geben die nur eine Person sich wünscht.

Und wenn Ihr dann noch einen Schritt weiter gehen möchtet, raus aus der Ohnmacht rein in die Selbstwirksamkeit. Dann fangt an, einigt Euch auf ein Thema und überlegt, wie ihr das umsetzen könnt. Was braucht es, damit EURE Vision einer guten Gesellschaft ein Stück mehr Realtität werden kann?

Denn ehrlichgesagt, ich denke, Politiker, von welcher Partei auch immer, werden die Themen nicht lösen – egal welche Partei Ihr wählt.

Denn schon auf dem Weg zu einem erfolgreichen Kandidaten für eine Partei wird der Politiker mainstreamtauglich abgeschliffen und in den Parteigehorsam gezwungen.

Dazu kommen die, wie ein Pilzmyzel alles durchziehenden Seilschaften, NGOs, ThinkTanks und so weiter.

Also lasst EURE Vision einer guten Gesellschaft Wirklichkeit werden,